Der polyglotte Minitrupp Das Thema Avantgarde

Himmel in Zoutelande

Es ist schon immer wieder interessant, wie sich die Zeiten ändern bzw. wer was auf wen argumentativ anwenden darf, ohne in Verdacht zu geraten.

Wir wissen ja alle mittlerweile, dass der Begriff Avantgarde obsolet ist, vor allem das damit verbundene Militärische wird gerne dazu ins argumentative Feld geführt. Daher staunt man schon, wenn in einer Vorstellungsveranstaltung von Zeitschriften ihre Macher als “polyglotte Minitrupps” gekennzeichnet werden.

Ihre Macher sind hochvernetzte Einzelgänger oder polyglotte Minitrupps.

Kiosk – Zeitschriften bitte! – Literaturhaus Frankfurt.

Damit kommt der ansonsten argumentativ verpönte militärische Komplex quasi durch die betriebliche Hintertür wieder rein. Zeitschriften wie Bella Triste oder Sinn und Form dürfen das schon mal sein:

kleine, meist in Bewegung befindliche Gruppe von Soldaten oder anderen zusammengehörigen Personen, die gemeinsam ein Vorhaben ausführen

Quelle: duden.de

Und in der weiteren Vorstellung der Bella Triste wird man dann schon handfester: Sie würden gewisse “extremistische Ästhetiken” (Minute 15:00) verfolgen (Bella Triste – Wir wollen Literatur wieder promoten). Das würde vor allem auf die Jubiläumsausgabe Nummer 30 zutreffen, die im Schachtelformat ein Sammelsurium – ein Readymade – darstellt.

Irgendwie schon traurig, dass heute ein ganz normales Unikat-Dingens als extremistisch gilt. Man darf sich wahrlich nur noch wundern …

Avantgarde-Bashing – die zweite

Heute ist der Tag des Avantgarde-Bashings, jetzt sind auch noch die Situationisten quasi-stalinistisch.

Paris ist seine zweite Sozialisation, die ästhetisch-politische durch die Situationisten, eine quasi-stalinistisch geführte Anti-Bohème-Bohème. Der gilt schon Kunstmachen als reaktionär – revolutionär dagegen sind “dérive” (Umherschweifen) und “détournement” (Zweckentfremdung/Umwidmung).

Quelle: Der schillernde Rebell, Deutschlandradio

Avantgarde-Bashing der gängigen Art

Die Rezeption lässt sich ja weniger bestimmen und trotzdem nervt mich dieses Nachtreten. Wer auch immer diesen Text für den Lyrikkalender des Deutschlandradios verfasst hat, hat sich mit Dadaismus noch nie beschäftigt, ihn gänzlich missverstanden.

Der stets auf überraschende Abweichungen bedachte Universalkünstler, Architekt und Dichter Kurt Schwitters (1887-1948) hat nach 1919 eine Reihe von Gedichten verfasst, die sich von der verbissenen Programmatik (Hervorh. Sylvia Egger) des von ihm unterstützten Dadaismus lösen und in der “Merzdichtung” variationsreiche Formen des Wort- und Laut-Spiels zelebrieren.

Quelle: So, so!, Deutschlandradio Lyrikkalender

In einer Charakterisierung des Dadaismus als verbissen programmatisch findet man exemplarisch wieder, was man Avantgarden und deren Programmen immer nachsagt. Es ist schlicht langweilig, das immer wieder lesen zu müssen. Schliesslich ist ein Programm eben ein Programm und ist programmatisch, was meint, man positioniert sich, ob es anderen nun passt oder nicht.

Der diskrete Charme der Bourgeoisie: Kommunikation durch den Hammelbraten

3sat erfreut mich derzeit mit der Reihe “Der Zauber des Surrealen – Luis Buñuel und die Folgen“. Das interessante an Buñuels “Der diskrete Charme der Bourgeoisie” (1972) ist das völlige Fehlen von Medien.

So bedient sich die Bourgeoisie offenbar der noch älteren Kommunikation oder mittlerweile auch wieder neuen: dem Netzwerken. Man trifft sich zum Essen, zum Essen und zum Trinken und zum Essen. 🙂 Der Austausch passiert quasi durch den Hammelbraten. Sonst in Büros ab und an ein Telefon, das auch klingelt. Maschinelle Geräusche verhindern letztlich, dass Wahrheiten entstehen, über Ursachen gesprochen wird. Nur Träume, die wie Montageeinheiten nahtlos den Film vorantreiben, sind messerscharf an der Wahrheit, aber lassen den Zuschauer immer wieder ruhig ins Kissen fallen, sobald sie als solche erkannt werden.

und dann noch ein wenig Avantgarde zum Drüberstreuen

Neben dem unbedingten Starschnitt, der der aktuellen BELLA triste beiliegt, sollte man es nicht verabsäumen, Ulf Stolterfohts Memoiren in Sachen Avantgarde zu lesen.

Der Ulf war ja mal wirklich interessiert an Avantgarde, das ist aber schon ne Weile her, soweit mich meine Memoiren nicht täuschen. War damals in Berlin und ist der Zeitschrift perspektive ne Weile zugelaufen, fand das, glaub ich, ganz gut, dass die sich mit Avantgarde beschäftigt haben. Ja, denk ich schon, doch ja. Aber er war halt immer schon weiter, der Ulf. Fand Lesungen immer besser, irgendwie. Und so.
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Diskussion des Avantgarde-Begriffs (Deutschlandfunk)

Eine ganze Diskussionssendung zum Avantgarde-Begriff: Die Arbeit muss Fragment sein.

Sehr schön – selten wird der Avantgarde-Begriff öffentlich diskutiert und eher noch weniger im Radio, wenngleich der Ansatz – laut Sendebeschreibung – eher vom Negativen auszugehen scheint:

Die Welt muss wieder erzählbar werden, verständlich, unterhaltend. Der sich in der Sicherheit des Erzählens wiegende Romancier hat offensichtlich Erfolg, nicht nur im Handel, auch bei der Kritik. Und längst wird in akademischen Zirkeln debattiert, ob die Avantgarde gescheitert sei, ja ob es sie je gegeben habe.

Quelle: Die Arbeit muss Fragment sein (Deutschlandfunk, 27.04. – 20:10, Livestream>)

Die SI im Archiv

Auch Debord und die SI kommen nun in den White Cube – das Museum.

Also – schließlich findet alles ins Archiv, und auch wenn die Rezensentin der FR darauf beharren will, dass die SI noch ein Geheimtip sei. Dann wäre wohl geheim noch mal genauer zu klären – kommt eben auf die entsprechende Situation an. 😉

Radikalität hat ihren Preis. Guy Debord, der Wortführer der Situationisten, bezahlte seine konsequente Missachtung der Medien und der Öffentlichkeit mit Armut und Isolation. Allerdings musste der Utopist sich auch nach der Auflösung der Situationistischen Internationale 1972 nicht vorwerfen lassen, seinem Ziel, die vom Markt korrumpierte Kunst zugunsten gesellschaftlicher Intervention abzuschaffen, untreu geworden zu sein.

Quelle: Die Idee von der Abschaffung der Kunst (FR, 12.04.07)

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Theorie und Tribes: überall Theoriewillige!

Wenn man sich die Tribes – vulgo Online-Diskussions-Gruppen – zu Themen wie Walter Benjamin, Adorno, Situationisten, Dada, Futuristen (etc. pepe) allein von den Mitgliederzahlen her ansieht, würde man meinen, es gäbe nur Walter-Benjamin-Interessierte, Adorno-Fetischisten, Parade-Situationisten, Dada-Lovers oder Kern-Futuristen:
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die neue wiener gruppe: perpetuum flexibile

na servus – könnte man auf schlecht österreichisch polemisieren: was sich heute alles als nachfolge oder -er begreift. ein wenig subkulturellen hier. ein wenig eigenverlegerischer “kitsch” dort (ok. ich könnte das jetzt entschärfen. fühle mich aber gerade nicht in der lage. in stabiler rage vielleicht schon). und schon zieht man sich an: was man im engen literarischen feldhügel gerade noch ausgräbt: die neue wiener gruppe!
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vom fehlen des utopischen surplus

robert misik fasst ganz gut den aktuellen stand der kunst-oekonomie frage zusammen. inwieweit die kunst/der kuenstler der oekonomie in seiner autonomie/arbeitsweise immer zugearbeitet hat bzw. von der oekonomie als vorlage fuer aktuelle berufsfelder/-bilder verwendet wird: die kulturgesellschaft und der neue geist des kapitalismus (TAZ, 02.05.06).

Vom utopischen Surplus der Kunst bleibt dann freilich nicht mehr viel. Statt dieses Mehrwerts liefert die Kunst das, was den Waren zu mehr Wert verhilft.

freilich: geht misik vom diesem utopischen surplus aus. den man nicht auf die kunst anwenden muss (sehr weniges hat einen avantgardeanspruch heute …)