Dem Günstling ist günstig, was eben passt

Das Logbuch Suhrkamp stellt in seiner neuen Rubrik Literaturzeitschriften vor.

Das peinlich Spannende dabei ist nicht, dass das Modell Fragebogen letztlich mehr über den Fragenden als den Befragten preisgibt, sondern dass die befragte Zeitschrift und die Redaktion des Logbuchs eine personelle Überschneidung aufweisen: Redakteur der Zeitschrift ist zugleich in der Redaktion des Logbuchs …

Abstand zum besprochenen Thema ist auch nur eine Frage des Augenwinkels. 😉

 

 

 

Der polyglotte Minitrupp Das Thema Avantgarde

Himmel in Zoutelande

Es ist schon immer wieder interessant, wie sich die Zeiten ändern bzw. wer was auf wen argumentativ anwenden darf, ohne in Verdacht zu geraten.

Wir wissen ja alle mittlerweile, dass der Begriff Avantgarde obsolet ist, vor allem das damit verbundene Militärische wird gerne dazu ins argumentative Feld geführt. Daher staunt man schon, wenn in einer Vorstellungsveranstaltung von Zeitschriften ihre Macher als “polyglotte Minitrupps” gekennzeichnet werden.

Ihre Macher sind hochvernetzte Einzelgänger oder polyglotte Minitrupps.

Kiosk – Zeitschriften bitte! – Literaturhaus Frankfurt.

Damit kommt der ansonsten argumentativ verpönte militärische Komplex quasi durch die betriebliche Hintertür wieder rein. Zeitschriften wie Bella Triste oder Sinn und Form dürfen das schon mal sein:

kleine, meist in Bewegung befindliche Gruppe von Soldaten oder anderen zusammengehörigen Personen, die gemeinsam ein Vorhaben ausführen

Quelle: duden.de

Und in der weiteren Vorstellung der Bella Triste wird man dann schon handfester: Sie würden gewisse “extremistische Ästhetiken” (Minute 15:00) verfolgen (Bella Triste – Wir wollen Literatur wieder promoten). Das würde vor allem auf die Jubiläumsausgabe Nummer 30 zutreffen, die im Schachtelformat ein Sammelsurium – ein Readymade – darstellt.

Irgendwie schon traurig, dass heute ein ganz normales Unikat-Dingens als extremistisch gilt. Man darf sich wahrlich nur noch wundern …

Der Nostalgiebus Bachmann beginnt wieder zu rollen …

Den Nostalgiebus habe ich natürlich nicht selbst aus der Wundertüte geholt, sondern aus dem Rahmenprogramm des diesjährigen Bachmannpreises geklaut. Überhaupt liest sie ja so ein literaturbetrieblicher Grossauftrag immer wie eine Kalauerbombe, die man als Leserin einfach hochgehen lassen muss.

Mit einem Nostalgie-Bus werden – startend am Neuen Platz – jene Orte in Klagenfurt aufgesucht, die einen direkten Bezug zu Ingeborg Bachmann haben.

Renate Aichholzer (staatlich geprüfte Fremdenführerin) erzählt während dieser Literaturreise aus dem Leben der Klagenfurter Schriftstellerin.

Quelle: Nostalgiebus”Bachmann erfahren”

Ich frage mich ja immer weniger schamhaft, wer solche Pressetexte schreibt oder schreiben muss? Ist es österreichisch, immer alles Sanktionsträchtige in Klammern hinter die Person zu formulieren? Mir bleibt dann immer nur das umzuformulieren, was als informativer Zusatz noch im Kleingedruckten steht: Bei Schönwetter offene Flucht …

Wie Ironie auch gerne in Verwirrung führt

Das Feuillton zu lesen, kann Vorteile haben. Mitunter kann man dem Feuilletonisten zusehen, wie ihn sein Thema überfordert. Roman Bucheli in der NZZ versucht zwar das Thema Frauenliteratur für sich und für andere (?) zu retten, verstrickt sich aber komplett zwischen ironischer Gegenwartsbeschreibung und vergangener potentieller Verve:

Mehr noch als das Thema des Podiumsgesprächs erstaunt jedoch der Umstand, dass tatsächlich nur Frauen aufs Podium zur Diskussion geladen sind. So wäre die Frauenliteratur selbst in historischer Rückschau nur eine Sache der Frauen, von und für Frauen? Sie wäre damit noch nicht einmal im Archiv angekommen, sondern da, wo sie nie hingehörte: im Abseits. Was vierzig Jahre Literaturgeschichte zum Glück nicht vermochten, schafft diese Programmkommission mit einem (gutgemeinten?) Federstrich.

Quelle: Von Frauen für Frauen, NZZ 27.04.10

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Jörg Sundermeier plädiert für offene Kritik

Einer der rareren Artikel, der versucht mal wieder auf die Produktionsbedingungen im literarischen Feld zu lugen: Jörg Sundermeiers Warum es dicke Bücher heute schwer haben.

Das alles wäre weniger ärgerlich, würde es offen verhandelt. Doch über die Bedingungen des eigenen Schreibens wird lediglich am Kneipentisch gesprochen. In einem Literaturbetrieb, in dem die Journalisten nicht wissen, wer ihnen morgen das Honorar oder das Zeilengeld überweist, ist eine offene Kritik schwer möglich.

Quelle: Jörg Sundermeier Warum es dicke Bücher heute schwer haben, Jungle World 28.01.10

Nun ja, es ist ja nicht so, dass es da nicht schon genug Vorarbeit etwa von Bourdieu zum Literarischen Feld gegeben hätte. Das Problem, dass die Bedingungen im literarischen Feld nicht offen verhandelt werden, ist ja genau das, was das Spiel, die Arbeit im Feld am Laufen hält. Bourdieu nennt das die von allen geteilte illusio – der Glaube an das Spiel.