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Schlagwort: AXIT

    Begriffe: Diskurs der Lobpreisung

    Walter Grond und Klaus Zeyringer beziehen sich in ihrem Gespräch über Thomas Bernhard auf Bourdieu und weisen auf den Diskurs der Lobpreisung hin, den Bernhards Rezeption und Aktion im literarischen Feld durchzogen hat:

    Bernhard fungiert als Hoher Priester in einem Diskurs der Lobpreisung, von dem Bourdieu gemeint hat, dass er der Analyse äußerst abträglich sei. Zudem finden sich durch Bernhards Literatur und ihre Rezeption bestimmte Diskursleisten angespielt und bedient.

    Quelle: Reden über Thomas Bernhard (Der Standard, 24.03.01)

    Begriffe: Zitation

    Schon eigens interessant, wie die Wissenschaft sich selbst misst und welches Instrumentarium und Quellgut ihr dazu zur Verfügung steht, hier jedoch erwähnt, weil auf den Zusammenhang von Zitation und Distinktion aufmerksam gemacht wird:

    Heinz-von-Foerster-Zitierer dürften eher Radikal-Konstruktivistisches im Sinne haben, Pierre Bourdieus „Feine Unterschiede“ Zitierende eher Distinktionstheoretisches: Denn zitieren heißt loben, Existenz zusprechen. Nur wenige Zitationen sind kritisch. Abzulehnendes wird zumeist „net amol ignoriert“.

    Quelle: Wie sich die Wissenschaft selbst misst (Der Standard, 18.12. 99)

    BellaTriste: Der sagt über den was und der über den

    Das liest die lauchtige Leserschaft von Kleinst- und sowieso Magzinen am Liebsten – bekanntere Autorinnen schreiben zu weniger bekannteren Autorinnen, was auch immer gern oder weniger gern.

    Genau so stellt man sich die deutschte Gegenwartsliteratur immer vor – ein Stammtisch des àœber-Nehmens:

    Lutz Seiler über Nico Bleutge. Ulrike Draesner über Anja Utler. Sabine Scho über Daniel Falb. Brigitte Oleschinski über Ron Winkler. Hendrik Rost über Ulrike Almut Sandig. Raphael Urweider über Steffen Popp. Andreas Altmann über Carsten Heinrich. Kathrin Schmidt über Monika Rinck. Alexander Nitzberg über Norbert Lange. Jan Wagner über Bastian Winkler. Norbert Hummelt über Lars Reyer. Nicolai Kobus über Nora Bossong. Hauke Hückstädt über Henning Ziebritzki.

    Quelle: BellaTriste – Jetzt neu

    Bestseller-Liste und Verlag: kann die Laune heben

    Insgesamt ein lesbares Interview mit Urs Widmer, das auch eine ganz neue Sicht auf Bestseller-Listen bietet. :-)

    Wenn ich den „Spiegel“ kaufe, schaue ich immer zuerst auf die Bestseller-Liste, ob da drei Bücher vom Diogenes Verlag drauf sind, das bedeutet nämlich, dass mein Verleger guter Laune ist. So gesehen, habe ich große Verehrung für Donna Leon.

    Quelle: Die Sprache hat immer Recht, Wiener Zeitung 12.10.07

    das erfindlichkeits dilemma

    immer neue preise tun sich auf im literarischen feld – so der literaturpreis prenzlauer berg. der geht sogar schon ins fuenfte jahr. und die berliner zeitung lobt sich einen lauen klee ab. wenn man schon erfindet. dann bitte aus nur allen erfindlichen befindlichkeitskisten. am besten verfangen da noch die experimentellen prosaexesse:

    Vielleicht lag es nur an den Kriterien der Vorjury. Keine selbstbezüglichen Kaffeehausbesinnlichkeiten, keine erstsemestrigen WG-Einsamkeiten und keine experimentellen Prosaexzesse waren unter den zehn nominierten Texten, die es aus den rund 360 Bewerbungen zum fünften Literaturpreis Prenzlauer Berg ins Finale geschafft hatten.

    ausblick aus der eigenen befindlichkeit (berliner zeitung, 22.06.06)

    Das Überleben von Literaturpreisen ist möglich!

    Es geht doch wirklich nichts über eine Portion prospektiven Lebenslauf, den man sich und anderen möglichst quasi twitter-wie-hautnah ins provisorisch Profilhafte ranschmeißt. So macht die frischgepackte Preisträgerin des diesjährigen Österreichischen Buchpreises Raphaela Edelbauer eines klar, der Büchnerpreis ist leichter zu haben als jede beliebige Textgondel1.

    !Rauris’18.Publikum/Bachmann’18. Short DBP ’19.Büchnerpreis ’31

    Quelle: @raphiedel

    1. 1783 startete in Versailles eine Montgolfière mit drei Passagieren – Hammel, Hahn und Ente.
      Quelle: Montgolfière (Wikipedia)

    Der Autor, der sein Gesicht nicht zeigen will (hat Brille, hat Haar, trägt Kleidung)

    Weniger blutig, aber auch lustig: PeterLicht (D) will sein Gesicht nicht zeigen.

    Naja, es gab schlechtere Texte bis dato in Klagenfurt. Aber auch dieser Text versucht einen jugendlichen Sound herzustellen, der real, reell und verdammt in & cool & naseweiss daherkommt. Ein leichter Plauderton wird eingenommen, und alles ist doch irgendwie dann wieder so empfindsam, obwohl der Ton des Textes dagegen hält. Auch bei solchen Texten schlaf ich weg. ;-)

    Aber immerhin mal was neues in Klagenfurt (man schläft ohnehin schon): Das Videoportrait ist gut selbst zusammengezimmert, ein ganzer Wikipedia-Eintrag ist befüllt, eine Webseite, die nicht viel verspricht und ein Text, der die irgendwie popkulturelle Buchtisch-Ecke bei Bunt weiter befüllen wird.

    Update – bzw. ich habe mich natürlich geirrt – der Text ist:
    Weiterlesen „Der Autor, der sein Gesicht nicht zeigen will (hat Brille, hat Haar, trägt Kleidung)“

    Der Krimileser und seine unglückliche Beziehung zum kulturellen Kapital

    Sehr schönes Zitat von Franz Schuh hinsichtlich der Affinität zur Kriminalliteratur. Jetzt endlich begreife ich, warum ich irgendwann begonnen habe, Krimis zu lesen. Wenngleich mich dann gleich beide Muster, die Bourdieu anführt, treffen würden: Mein kulturelles Kapital habe ich einerseits nicht geschafft gänzlich ins schulisches zu überführen und habe mir das meiste auf „illegitimen“ Wege angeeignet:

    „Leute“, sagt Bourdieu, die „ihr kulturelles Kapital wesentlich der Schule verdanken“, haben die ausgeprägte Tendenz, „sich der schulmäßigen Definition von Legitimität zu beugen und ihre Investitionen innerhalb der Bereiche ganz strikt nach deren von der Schule zuerkanntem Wert auszurichten. Demgegenüber reizen ,mittlere Künste‘ wie Film und Jazz oder stärker noch wie Comic, Science fiction und Kriminalroman vorrangig jene zum Investieren, denen die Umwandlung ihres kulturellen Kapitals in schulisches nicht gänzlich gelungen ist, daneben solche, die die legitime Kultur nicht auf legitime Weise erworben haben, d. h. nicht von frühauf mit ihr vertraut wurden, und nun zu ihr eine objektiv und/oder subjektiv unglückliche Beziehung haben.“

    Quelle: Bourdieu zitiert nach Franz Schuh: Dekadenz schwächt und hält zugleich am Leben. (Der Standard, 20.04.02)

    btw: Falls jemand das Zitat an einen konkreten Bourdieu Text festmachen kann, wäre mir gedient. :-)

    UPDATE: Dank Lars ist jetzt die Stelle dingfest gemacht:

    Bourdieu, Pierre: Die feinen Unterschiede. Suhrkamp Taschenbuch, S 154.

    der lebenslange debuetant

    klingt schon irgendwie merkwuerdig. wenn man einen autor wie jan faktor schon aus ddr zeiten kennt und seine buecher zuhause seit jahren im regal vor augen hat: debuetroman?!

    und liest schließlich auch aus „Schornstein“, seinem dieser Tage erschienenen Debütroman.

    dem leben sei dank (TAZ, 28.02.06)