Zaimoglu verehrt einen Dichter

Ich schreibe das hier einfach mal um, weil offenbar doch bei einigen mehr daran hängt, als man gedacht hat. 🙂 Also, wollen wir mal:

Dieser Text dient allein der Dichterverehrung, und doch werde ich keinen einzigen Vers, keinen einzigen Doppelzeiler zitieren, weil ich, der lange Zeit Gedichte nicht ausstehen konnte, es viel weniger ausstehen kann, wenn man die Poesie eines Meisters vorstellt, indem man beispielhafte Schnipsel aufführt. Der Dichter heißt Thomas Kunst, er lebt heute in der Heldenstadt Leipzig und arbeitet seit den 1980ern als sogenannter Bibliothekarischer Mitarbeiter in der Deutschen Bücherei. Das ist keine Schande – schändlich ist allein, dass er von seiner großen Kunst nicht leben kann, er verdient gerade mal so viel Geld, dass er nicht in die Bettelarmut absinken muss.

Quelle: Nieder mit den blassen Quallen der Poesie! (FAZ, 24.06.07)

Warum finde ich diesen Text nicht so gut, wie man ihn wohl andernorts mitunter gerne liest:
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Lasst den Leser unabgeholt!

Gut ist, wieder einen Versuch von Hubert Winkels zu lesen, der sich mit Rolle und Funktion des Literaturkritikers auseinandersetzt. Bedauernswert, dass das immer so wenig Reaktion auslöst bzw. er nicht häufiger zur argumentativen Feder greift.

In Der Kritiker als dritter Gott greift er nochmal die Unterscheidung zwischen Emphatiker und Gnostiker (Zeit Debatte 2006) auf und stellt einen historischen Zusammenhang her zu den 20er Jahren, insbesondere auf Alfred Kerr bezogen, – unweigerlich gelandet seien wir heute beim emphatischen Kritiker, der den Leser dort läßt, wo er angeblich abgeholt werden soll:

Von allgemeinen Gesetzen im Kunstwerk haben wir längst Abschied genommen, doch sind wir allzu schnell am anderen Ende der Skala angekommen, der Behauptung schierer Subjektivität: Schön ist, worin ich mich selber sehe. Und wo ich bin im Text, dort, lieber Leser, wirst auch Du Dich finden. Das ist Umgehung der Intelligenz mit didaktischem Vorwand: man wolle die Leute doch nur dort abholen, wo sie sind. Ja, wo sind sie denn?

Winkels, Hubert: Der Kritiker als dritter Gott (Welt, 18.06.07)

Haben Sie heute schon gejeut?

Da sollte noch einmal einer sagen, die deutsche Sprache wäre nur heute zu vielen fremden Sprachen ausgesetzt.

In Heinrich Manns Im Schlaraffenland finden sich etliche sprachliche Neuschöpfungen, aus einem Mischmasch aus Deutsch und dem Französischen:

“Wissene was?” sagte er leise. “Nebenan wird wieder gejeut. Sehense sich das mal an!”

Mann, Heinrich: Im Schlaraffenland. Ein Roman unter feinen Leuten. Fischer 1982, S 82.

Da klingt doch dann gedownloaded richtig schwunghaft. 🙂 Im übrigen ein sehr empfehlenswerter Roman, der das literarische Feld um 1900 in Berlin ganz wunderbar scharf in kritische Szene setzt. Bourdieu hätte seine Freude dran.

Karin Graf: die Gräfin mit dem Blumentick (Radiotipp)

Eine Literaturagentin als Gräfin, die es mit den Blumen arg übertreibt. Ein wonniges Feature.

Bei derartigen Ankündigungen kommen einem unwillkürlich Tränen der Rührung. 😉

Gern wird sie die Gräfin genannt. Karin Graf ist wohl die glamouröseste Literaturagentin. Autoren, die sie in Vertragsverhandlungen unbedingt vertreten möchte, schickt sie gern mal mehrere Blumensträuße. Und locker schafft sie drei bis vier Empfänge pro Tag.

Quelle: Karin Graf, Literaturagentin (Nordwestradio, 15.04. – 14.05, Livestream)

Die Jakuzzi-Haltung

War für eine Wortschöpfung: die “Jakuzzi”-Haltung (Jörg Heiser).

Im übrigen ist Jakuzzi nur ein anderes Wort für Whirlpool. 😉

Also platt gesagt, gibt es kunsttypische Zuspitzungen, die man sicherlich auch aus anderen Kultursparten kennt, in denen es die Pose des entlarvenden Kritikers gibt, der dem kommerziellen Marktgeschehen die Maske entreißt. Das wäre die “J’accuse!”-Haltung. Das Gegenstück ist die “Jakuzzi”-Haltung, der Kopfsprung mitten in das Getümmel und die Freude am glamourösen Anhäufen von Anerkennung, Geld und sonstigen Vergütungen.

Quelle: Die Anmaßung ist schon da – Interview mit Jörg Heiser (TAZ, 11.04.07)

BellaTriste: Der sagt über den was und der über den

Das liest die lauchtige Leserschaft von Kleinst- und sowieso Magzinen am Liebsten – bekanntere Autorinnen schreiben zu weniger bekannteren Autorinnen, was auch immer gern oder weniger gern.

Genau so stellt man sich die deutschte Gegenwartsliteratur immer vor – ein Stammtisch des àœber-Nehmens:

Lutz Seiler über Nico Bleutge. Ulrike Draesner über Anja Utler. Sabine Scho über Daniel Falb. Brigitte Oleschinski über Ron Winkler. Hendrik Rost über Ulrike Almut Sandig. Raphael Urweider über Steffen Popp. Andreas Altmann über Carsten Heinrich. Kathrin Schmidt über Monika Rinck. Alexander Nitzberg über Norbert Lange. Jan Wagner über Bastian Winkler. Norbert Hummelt über Lars Reyer. Nicolai Kobus über Nora Bossong. Hauke Hückstädt über Henning Ziebritzki.

Quelle: BellaTriste – Jetzt neu