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Gert Jonke und die heimliche Experimentalliteratur

Besteigung Mont Blanc
Quelle: Albert Richard Smith: The Story of Mont Blanc (1852) via British Library [1]

wenn die sprache eine wand wäre, könnte man tagsüber immer wieder dagegen fahren. wenn die sprache eine überschallfliege wäre, wären höchstleistungen für sie ein fliegenschiss.

dadasophische eh-pistel

Liest man Ronald Pohl Was soll aus der heimischen Experimentalliteratur werden? zum Todestag von Gert Jonke, lässt sich die Sprache als Fliegenschiss von der Wand kratzen. Der feuilletonistische Hochleistungsvergleich ist ja mittlerweile eine mehr als olympische Disziplin und nimmt sich neben der nicht mehr zu erwartenden informationsgetränkten Kritik wie eine hinfällige Stehlampe (!= Midgard Leuchte) aus.

Oder Beleuchtung ist mittlerweile alles. Gert Jonke wird dann der Lorbeer-Schemel untergeschoben und alles ist immer nur groß, namhaft und zauberhaft-genialisch. Und das gilt dann gleich für die gesamte avancierte österreichische Experimentalliteratur. Ob sie jedoch jemals diese Publikumsresonanz und -relevanz hatte, wie Pohl unterstellt, dass sie zu einer Art Erziehungsinstanz geworden sein werden und sich so namhaft und schadlos gehalten haben wollen – am schmalen symbolischen Kapital, das nun mal so eine Winkelexistenz herzugeben wollen müssen.

Mehr Fragen als Antworten

Es stellen sich einfach zu viele Fragen im Artikel – vor allem, wenn es um Genese im literarischen Feld geht:

  • Was ist ein Vertreter der heimischen Moderne?
  • Gibt es nicht einen Unterschied zwischen populär und erfolgreich – besonders im Hinblick auf Artmann?
  • Was soll die schnelle Abfolge von Generationen in der Experimentalliteratur? Jonke gehört laut Pohl bereits zur dritten Generation (=! Fassbinder – Die Dritte Generation)
  • Warum waren die Veröffentlichungsmöglichkeiten dieser Autor*innen in deutschen Verlagen gönnerhaft und hofierend? Sollte man nicht eher fragen, warum gab es für diese Literatur seinerzeit keine Publikationsmöglichkeiten in Österreich?

Zahlen nur als Hausnummer

Vieles ist heutzutage aus den Regalen entfernt, das meiste kommt gar nicht in die Regale oder ist nach kurzer Zeit ohnehin wieder weg. Aber immer wieder auf die gleichen Säulenheiligen Jandl oder Artmann zu setzen – im Lyrikregal links von den Klassikern findet sich da sicherlich immer noch je ein Bändchen -, ist genauso langweilig kanonisch. Und zu bezweifeln ist – wenn man schon in dieser Siegerposen-Logik bleibt – ob Jonke wirklich mit Jandl und Artmann auf dem Popularitätstreppchen stehen würde. Sieht man sich die Suchergebnisse für die Wiener Gruppe (WG) und Grazer Gruppe (GG) in Google an – immer mit dem Suffix “Autor” (z.B. “Peter Handke” Autor), lassen sich schon auch andere Beliebtheitswerte finden – es ist hier nicht nur der Kern der jeweiligen Gruppe gemeint – durchaus auch Assoziierte:

  • Peter Handke (1.300.000) – GG
  • Elfriede Jelinek (982.000) – GG assoziiert
  • Ernst Jandl (318.000) – WG assoziiert
  • Gerhard Roth (255.000) – GG assoziiert
  • Friederike Mayröcker (143.000) – WG assoziiert
  • H. C. Artmann (114.000) – WG
  • Friedrich Achleitner (92.200) – WG
  • Gerhard Rühm (91.100) – WG
  • Barbara Frischmuth (78.900) – GG
  • Gert Jonke (75.900) – GG assoziiert
  • Wolfgang Bauer (58.000) – GG
  • Konrad Bayer (46.900) – WG
  • Alfred Paul Schmidt (35.800) GG assoziiert
  • Michael Scharang (24.500) – GG assoziiert
  • Alfred Kolleritsch (24.500) – GG
  • Klaus Hoffer (21.800) – GG
  • Helmut Eisendle (18.600) – GG assoziiert
  • Reinhard P. Gruber (17.000) – GG assoziiert
  • Oswald Wiener (13.700) – WG
  • Harald Sommer (13.000) – GG assoziiert
  • Gunter Falk (9.320) – GG
  • Bernhard Hüttenegger (5.870) – GG assoziiert
  • Wilhelm Hengstler (5.820) – GG

Das sind zum einen nur mal Zahlen, aber sie geben recht gut den aktuellen österreichischen Literaturkanon wieder. Sicherlich ist Oswald Wiener bekannter, aber eben nicht als Autor. Jonke ist aber weit hinter Artmann und Jandl anzusetzen. Auch Kolleritsch würde mehr Ergebnisse haben, wenn man den Suffix Autor entfernt.

Fixpoetry hat in Erinnerung an Gert Jonke bereits darauf hingewiesen, dass Pohls merkwürdig machttypisches Bild – man müsste ja nur die Texte der Experimentalliteratur dem namenlosen wie auch immer potentiellen Publikum – der Crowd – in den Magen stopfen – irritiert. Man müsste dem abschließend noch hinzufügen, dass diese brachiale Argumentation schlicht peinlich und deplatziert ist, denn wir stopfen uns doch ohnehin genug in den Magen (Unser Magen – ein Schwerstarbeiter).

Fussnoten

  1. Albert Richard Smith (1816-60) war ein britischer Schriftsteller, Humorist, Journalist und Bergsteiger. Aus seinen alpinen Erfahrungen mit der Mont-Blanc-Besteigung 1851 inszenierte er eine eigene Show The Ascent of Mont Blanc (1852-58). Eine Mont-Blanc-Manie breitete sich aus und für Kinder gab es sogar das Brettspiel The New Game of Mont Blanc. [zurück]

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