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Kategorie: Lektüren

beseelte museumsstuecke

Verkompliziert wird die Sache noch durch den Umstand, dass diejenigen, die in diesem Sinne noch „Kultur“ haben, keine bewusstlosen Wilden sind, sondern gewissermaßen beseelte Museumsstücke. Sie beherrschen zwar möglicherweise die Zeichensprache der globalen Kultur nicht vollends souverän, aber sind doch von ihr überschrieben, und sie wissen, dass sich ihre Lebensart mit dem Wort „Traditionspflege“ auf einen schönen Begriff bringen lässt – egal, ob es sich jetzt um die Bäuerin handelt, die einmal in der Woche noch das Brot „wie früher“ bäckt und sich ansonsten 23 TV-Programme reinzieht, oder der Imam, der unter seinen knöchellangen Gewändern Nike-Sportschuhe trägt.

oh kultur, oh schutz vor ihr – robert misik (TAZ, 02.02.05)

begriff des tages :: die futteralisierung des historischen

Walter Benjamin hat von der Sehnsucht des 19. Jahrhunderts nach dem „Futteral“ gesprochen, vom bürgerlichen Traum eines Lebens, das sich die Welt zum Interieur macht und gegen jede Irritation abzuschirmen sucht. Es artikuliert sich darin ein Wunsch nach Regression und Rückzug aus der Wirklichkeit, der sich harte soziale Tatsachen in schmuckes Kunsthandwerk und plüschige Darstellungen zurechtformt. Diese Sehnsucht nach Futteralisierung des Historischen spricht bei Jeunet aus jedem Bild – und es wird deutlich, dass das Fantastische bei ihm auch und gerade in seinen dunkleren Varianten nach diesen Futteraleffekten strebt. Was dem bürgerlichen 19. Jahrhundert die Chinoiserie, sind ihm und seinem Publikum – technisch ganz auf der Höhe der digitalisierten reproduktiven Künste – ein schöngelogenes Montmartre und der gänzlich entpolitisierte Erste Weltkrieg im nostalgischen Sepiaton. In Jeunets Futteralwelt wird jedes historische Faktum unterm Blick der Kamera auf der Stelle zum sorgsam eingepackten Museumsstück. Das Unbehaglichste daran ist gerade die Behaglichkeit, die sich beim Betrachten einstellt. Der Krieg dringt in eine solche Welt nicht als Schock, sondern als Spektakel, das die Erzählerstimme beruhigend ins Register des Schnurrigen überführt.gute stube schuetzengraben (TAZ, 26.01.05 – mit bestem dank an erratika!)

wir moechten dazu nicht wirklich salopp ergaenzen. dass das auch schon bei amelie so war. ein film. der ein paris zeigt. das einer bunten. huebschen glaskugel gleich alles schoen stimmig unterfuttert – oder auch die zuseherin einbuttert. so laesst sich paris schoen ins touristisch eingemachte stellen. vielleicht sollte man jeunets fruehen film „delicatessen“ auch noch unter diesem blickwinkel betrachten. was uns zugegebenermassen schwerer fallen wuerde. aber ein interessanter ansatz.

chinesische fotografie/video

… das blaettern in der ausstellung „die chinesen“ im kunstmuseum wolfsburg

rezension art-in.de
rezension cosmopolis.de
rezension tuxamoon.de (dort auch die umfangreiche fotostrecke)

… just a step into:
… xing danwen, z.b. die serie „duplication“ (2003)
… yang fudong“seven intellectuals in bamboo forest“ (2003) (interview)
… Yang Yong, Cruel Diary Of Youth (Serie), 2002 – 2003
… Zhou Hongxiang „the red flag flies“

alle wege fuehren nach rom

Dass alle Wege in die Ewige Stadt führen, bezweifelt der einheimische Ausflügler, wenn er sich auf dem Nachhauseweg im Dickicht der Lagerhallen an der Peripherie verliert. Auch ist nicht bekannt, wie lange die Ewigkeit in Rom noch dauern wird. Zwar gibt es in der 3-Millionen- Stadt zwei U-Bahn-Linien, die ein Kreuz bilden. Doch wehe dem, der nicht in der Nähe dieses Kreuzes lebt und mobil sein muss, denn er wird täglich ewige Stunden im Stau festgenagelt.

das ewige kreuz. birgit schoenau ueber rom und die roemer (NZZ, 01.02.05)

politik::kunst

Mit Althusser gedacht, ist die politische Dimension der Kunst also nicht an einer außer ihr gelegenen Realität zu bemessen. Politisch ist Kunst dort, wo sie um ihre Definition, ihre „Ausdehnung“, also um ihren Anteil am Gesellschaftlichen kämpft. Und politisch ist Kunst dort, wo sie um die Dominante, um die Bestimmung der Realität ihrer Gesellschaft, kämpft. Direkter ist das nicht zu haben.

Praxis und Dominante: Erinnerung an Althusser aus Anlass der Diskussion um Kunst und Politik – isolde charim (TAZ, 01.02.05)

* btw: in der TAZ jeden ersten dienstag im monat eine theoriekolumne alternierend von isolde charim und robert misik gefuellt …

architekten lieben die salzburger altstadt

Architekten lieben die Salzburger Altstadt. Wer hier baut, kann sich ein Denkmal setzen. Er wird international bekannt und muss sich um seine nächsten Aufträge nicht sorgen.

Der Standpunkt: Ein schwarzer Klotz reicht (salzburger nachrichten, 01.02.05)

kampf um die briefe

Wie First Mail dràƒ¤ngen immer mehr private Zustelldienste auf den Markt. Obwohl die Deutsche Post noch eine „Exklusivlizenz“ zum Verteilen von Briefen unter 100 Gramm hat. Erst ab 2008 läuft das lukrative Briefmonopol aus, das der Post jährlich Milliardengewinne beschert. Unter bestimmten Auflagen dürfen Konkurrenten aber auch jetzt schon Briefe zustellen. Ihre Leistungen müssen jedoch „höherwertiger“ sein. „Wir holen die Briefe nach 17 Uhr ab und frankieren sie für die Kunden, ohne zusätzliche Kosten. Am nächsten Vormittag stellen wir sie zu“, erklärt First-Mail-Chef Christian Theisen. Ein Service, den die Post so nicht bietet.

Kampf um die Briefe (wdr, 01.02.05)

wohnerlebniswelt :: installation

Wohnerlebniswelt – Wir entführen Sie in die Welt des Wohnens. Erleben Sie das Abenteuer Wohnen in unserem Einbaulabyrinth. Gehen Sie auf Entdeckungsreise. Nehmen Sie Teil an der Wintergarten Safari im Großstadtdschungel, erklimmen Sie unsere Hochküchen, durchstreifen Sie die Einlege-Oasen oder entspannen Sie sich in unseren Wellness-Anlagen.

info – neuhaus projekte

… die installation „wohnerlebniswelt“ in halle neustadt (gruppe um franz höfner und harry sachs) ist teil der ausstellung „selfmade“ in der berliner galerie weisser elefant
… eine probe aus dem katalog zur ausstellung „neuhaus“ (2003) (pdf)

das wohnzimmer zittert (TAZ, 20.01.05)
.. eine urhuette in gropiusstadt (berliner zeitung, 29.01.05)