leipzig :: kaderschmieder der literatur

600 zu 20 lautet die entmutigende Formel für den schriftstellerischen Nachwuchs – jeder 30. kommt durch! In Leipzig nämlich, bei der Bewerbung auf einen der raren Studienplätze der erfolgreichsten Kaderschmiede des deutschen Literaturbetriebs. Zwar gibt es Schreibkurse allerorten, und mancher soll schon zum Autor gereift sein, ohne je einen Tutor, Mentor oder Lektor gesehen zu haben, doch Schreiben ist nur die halbe, respektive gar keine Miete. Auf den nachgeordneten Zirkus kommt es an: in Klagenfurt zu kämpfen, einen Verlag zu finden, anständige Auflagen zu verkaufen, auf Lesereise zu gehen. Wer in Leipzig immatrikuliert war und sich nicht dummerweise auf Lyrik verlegte, hat damit keine Probleme mehr. Leipzig ist das Entree für ein Leben als Berufsschriftsteller.

wie werde ich ein verdammt guter schriftsteller – florian felix weyh (buechermarkt, dlf, 17.02.05)

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4 Gedanken zu „leipzig :: kaderschmieder der literatur

  1. Gut möglich, das das besprochene ein entbehrliches Buch ist. (Ich kenne es nicht.)

    Sicher ist aber, dass der Autor der Rezension – wie viele, die sich bemüßigt fühlen, sich zum DLL zu äußern – das Ressentiment der Recherche vorzieht: Leipzig ist das Entree für ein Leben als Berufsschriftsteller ist völliger Unsinn. Ein sehr geringer Anteil der Absolventen wurde und wird “Berufsschriftsteller”. Um das herauszufinden, müsste man allerdings etwas mehr tun, als die Feuilletons nach dem Reizwort zu scannen.

    Genau so ein Unsinn, quasi andersherum, ist der Schlusssatz:
    Die Literaturgeschichte ist voll von Autoren mit Arztpraxen und Anwaltskanzleien; Diplomschriftsteller sucht man darin vergebens.
    Adolf Endler, Ralph Giordano, Wulf Kirsten, Klaus Schlesinger, Kerstin Hensel, Thomas Rosenlöcher, Sarah und Rainer Kirsch, Katja Lange-Müller, Erich Loest. Ja mei, wie viel “Literaturgeschichte” darf’s denn sein? Vielleicht noch Tschingis Ajtmatow und Jewgeni Jewtuschenko dazu?

  2. ha. diesen schlussatz haben wir gaenzlich lesetechnisch unterschlagen! 🙂 da werden ja diplomschriftsteller gefordert! na. das ist doch mal was innovatives. schliesslicih wird ja jeder wirtschaftlich einigermassen am laufen gehaltener berufszweig gerne durch eine diplomierte bildung aufgewertet (u.a. wird der webbereich gerne mit dem zertifikat “informatik” ausgestattet. auch htmler sollten sich damit versorgen. was wir fuer unsinn halten).

    es ist jedoch nicht ganz von der hand zu weisen. dass in den letzten jahren eine verstaerkte anstrengung von gruppen/institutionen unternommen worden ist. den “beruf” schriftsteller/autor irgendwie zu “legitimieren” als lernbar. und damit auch lenkbar. vielleicht halten wir einfach zu wenig von dieser form der “schreibschule”. (dazu gehoert u.a. auch die schule fuer dichtung und demnaechst soll so was in der art auch im raum linz starten – wir haben die titutlierung der institution leider grade nicht parat).

    dass auch diesen “institutionen” unterschiedliches an schreibstil rauskommen kann. ist klar. wir nehmen jedoch auch – wie ja derzeit an mehreren rezensionen abzulesen ist – einen bestimmten “stil” des DLL wahr. das mag jetzt vorschnell mit dem argumenten sein. aber z.b. hat sich der diesjaehrige bachmannpreis durchaus mit autoren aus dem DLL bedient. und die texte hatten zwar – naturgemaess – unterschiedlichkeiten. aber man konnte so was wie einen DLL stil erkennen. uns fehlt es gerade schwer. was festzumachen. ist auch viel intuitives dabei. geht uns auch nicht mehr so leicht von der hand.

    aber: der stil hat so was gekonntes. das schon wieder ins krampfig langwierige faellt. so was ach ja. schoen. kommt da nicht doch noch etwas anderes. durchaus kann der eine oder andere text fast schon avanciert wirken. aber auch das ist oft eher politur.
    aber natuerlich kennen wir zuwenige schueler. und haben so da nicht den ueberblick. und lassen uns gerne vom gegenteil ueberzeugen.

    nennen sie uns doch texte von “absolventen”. die sie gut fanden. 🙂

  3. Ihre Skepsis gegenüber solchen Instituten ist mir nicht entgangen. Aber sie wundert mich ein wenig, da ich ansonsten nicht den Eindruck habe, Sie hingen an einem romantischen Ideal des Schriftstellers oder frönten irgendwelchen Anti-Intellektualismen.
    Ein Wesentliches, was es an solchen Instituten zu lernen oder zu üben gibt, ist ja ganz schlicht die Reflexion über das eigene Schreiben.

    Die Frage nach Sinn, Unsinn oder Folgen solcher Institute wird nach meiner Ansicht zu oft vermengt mit Fragen des Zeitgeists oder des Literaturmarktes.
    Wenn z. B. beklagt wird, die Bücher vieler junger DLL-Absolventinnen klängen wie Judith Hermann, dann wird oft vergessen, dass derzeit einfach die Bücher der meisten jungen Schreiberinnen klingen wie Judith Hermann.
    Beide Gruppen, nehme ich an, schreiben weniger mit Blick auf den Markt so, sondern weil sie 1. diesen Stil selbst einfach gut finden oder noch keinen anderen Stil gefunden haben. Dazu kommt 2., dass die Verlage bevorzugt Bücher veröffentlichen, die ihren Leserinnen den Stil präsentieren, den diese gerne lesen, weil sie ihn kennen. Dazu kommt 3., dass das Feuilleton solche Bücher bevorzugt zu rezensieren scheint.
    All diese anprangernswerten Umstände haben aber nichts oder nur sehr vermittelt mit einer sog. Institutsliteratur zu tun.

    Leider weiß ich gar nicht, was Sie mit dieser form der “schreibschule” meinen.
    Was halten Sie denn für kennzeichnend für diese Form? Meines Wissens arbeitet etwa die Wiener Schule für Dichtung mit ihrer literaturbetriebskritischen und avantgardistischen Tradition ganz anders als die Göteborger Schule für Litterärgestaltning (Blockseminare f. Berufstätige) oder als Ortheils Institut in Hildesheim.
    Und: welche Form von Schreibschule könnten Sie denn gut heißen – außer “das Leben” ;-)?

    Absolventen, die ich gut fand? Adolf Endler (“Tarzan vom Prenzlauer Berg”) und Klaus Schlesinger (“Alte Filme”) habe ich gerne gelesen.
    Absolventen seit der Neugründung des Instituts? Ich nehme ja auch fast nur die wahr, die bei den Verlagen landen konnten. (Das ist, wie gesagt, ein Bruchteil der Absolventen.) Tobias Hülswitts “Saga” fand ich gut.
    Gut fand ich auch, von seinen Lesungen her, Clemens Meyer. Auch Jörg Jacob. Beide werden Sie bei Amazon vergeblich suchen.

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