James Boswell durchwandert London anders

Vielleicht eine Frühform der situationistischen Psychogeographie findet sich in James Boswell Journal, genauer gesagt im Londoner Tagebuch von 1762-63:

Dempster, Erskine und ich hatten diesen Tag ungeduldig erwartet; wir wollten zu dritt von einem Ende Londons zu anderen wandern. (…) Die Vielfalt, der wir bei unserer Wanderung begegnen, ist in der Tat erstaunlich. Wie der Spectator schreibt: ein Ende von London unterscheidet sich im Aussehen und in den Gewohnheiten der Menschen vom anderen wie ein fremdes Land.

Boswell, James: Journal, Reclam 1996, S 22-23.

Für das situationistische Dérive ist die Reise durch London zu zielgerichtet. Denn das Dérive steht, so S.I., den klassischen Begriffen von Reise und Spaziergang entgegen. Daß die drei Reisenden beim Anblick der zugefrorenen Themse erschauern, also mitten in der Stadt ein Naturschauspiel wahrgenommen wird, passt schon eher in das psychogeographische Konzept:

Wir nahmen im Somerset-Kaffeehaus ein vorzügliches Frühstück zu uns, gingen dann in Richtung Gracechurch Street und auf die London Bridge, wo wir mit wohligem Schauer den rauhen und schrecklichen Anblick des Flusses genossen, der teilweise zugefroren, teilweise mit riesigen Eisschollen bedeckt war, die ständig aufeinanderkrachten.

Boswell, James: Journal, Reclam 1996, S 22-23.

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