Andre Bazin zum Festival von Cannes

Leider habe ich den Orginalessay von André Bazin aus dem Jahre 1955 noch nicht gefunden, in dem er auf die religiöse Dimension des Systems Cannes eingeht:

1955 beschrieb der französische Filmtheoretiker André Bazin Cannes als einen religiösen Orden, in dem der Kinobetrachter sein alltägliches, weltliches Leben aufgebe, um in den Festivalpalast, »jenes moderne Kloster des Cinematographen«, zu pilgern, den Gralsort der Cinephilie.

Quelle: Dauerparty im Klostergarten, Zeit 21.5.2008

Wiederabgedruckt in Englisch in Dekalog 3 – On Filmfestivals.

Revolver 21: Mark Peranson

Ein sehr guter Text von Mark Peranson Erst kommt die Macht, dann das Geld im aktuellen Revolver Magazin Nummer 21.

In der gegenwärtigen Konstellation könnte der Filmkritiker somit eine wichtige Funktion erfüllen, indem er seinen Lesern die Funktionsweise des System erläutert. (…) Die eigentliche Kritik muss an dem System (Film, Anm. S. E.) selbst ansetzen.

Quelle: Mark Peranson: Erst kommt die Macht, dann das Geld, Revolver 21

Soviel Automobil war noch nie: César und Rosalie

Eine interessante Autostrecke – gleich ist ja Godard mit seiner automobilen Tour de Force dran – in Claude Sautets César und Rosalie (1972). Soviel Auto war noch nie, mal als flotter, mal als praktischer Flitzer, immer im Rausch der Geschwindigkeit und kurz vor dem Aufprall. Das gute Ende immer nur dadurch, dass die gemeine Wiese als Ausweiche herhält. 😉 Auch schön der Konflikt zwischen Unternehmer (César) und Künstler (David), ersterer kauft alles auf und letzerer staffiert dann alles mit dem kulturellen Blick aus.

Oder was es alles online leider doch gibt: das Promigrab von Romy Schneider. 😉

Godards Week-End eine Satire?

Irgendwie schon ziemlich merkwürdig, in einer Programmzeitschrift Godards Week-End (1967) als Satire angekündigt zu finden. 😉 Kreimeier weist eher auf den manifesten Zirkuscharakter des Films hin, ich wuerde sagen, Godards Filme sind auch Thesenfilme und Week-End ist das in seiner Zuspitzung ganz besonders:

Diese Einstellung ist zugleich ein ironischer Kommentar auf den Kult des Individualismus, wie er im Zentrum des Spätkapitalismus steht. Keine zwei Autos im Stau sind gleich, und die Fahrer manifestieren noch auf ganz andere Weise ihre Differenz untereinander: mit den Dingen in ihren Autos, ihrer Kleidung und der Art ihres Zeitvertreibs.

Quelle: Von Godard sprechen – Kreimeier

Läuft heute um 0:35 im Ersten. Pflicht!

Der diskrete Charme der Bourgeoisie: Kommunikation durch den Hammelbraten

3sat erfreut mich derzeit mit der Reihe „Der Zauber des Surrealen – Luis Buñuel und die Folgen„. Das interessante an Buñuels „Der diskrete Charme der Bourgeoisie“ (1972) ist das völlige Fehlen von Medien.

So bedient sich die Bourgeoisie offenbar der noch älteren Kommunikation oder mittlerweile auch wieder neuen: dem Netzwerken. Man trifft sich zum Essen, zum Essen und zum Trinken und zum Essen. 🙂 Der Austausch passiert quasi durch den Hammelbraten. Sonst in Büros ab und an ein Telefon, das auch klingelt. Maschinelle Geräusche verhindern letztlich, dass Wahrheiten entstehen, über Ursachen gesprochen wird. Nur Träume, die wie Montageeinheiten nahtlos den Film vorantreiben, sind messerscharf an der Wahrheit, aber lassen den Zuschauer immer wieder ruhig ins Kissen fallen, sobald sie als solche erkannt werden.

Sofia Coppola: The Virgin Suicides

Ich fand bereits Sofia Coppolas Film Marie Antoinette (2006) ziemlich verschärft – ein Ausstattungsfilm, ja + nein, vor allem ein Film über Machtverhältnisse. Um Machtverhältnisse dreht sich alles in ihrem Film The Virgin Suicides, ihr Debütfilm aus dem Jahre 1999 nach einer literarischen Vorlage von Eugenides.

Es klingt zwar immer ein wenig angestaubt, aber es ist tatsächlich so, dass man den beiden Filmen anmerkt, dass eine Frau Regie führt. In beiden Filmen stehen Frauen im Mittelpunkt, die in Machtverhältnissen stehen, die sie nur bedingt (mit-)beeinflussen können. Marie Antoinette entwickelt eine bonbonfarbene Konsumlust und entwickelt sich zur Konsumikone ihrer Zeit, die Selbstmord-Schwestern schaffen diesen Ausbruch nicht, sie bestellen Reisekataloge und Modejournale, schwelgen in fremden Welten, ohne das Haus verlassen zu könnnen. Die Pubertät als Atom. 🙂

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Gilmore Girls und Boswell

Nach langer Pause habe ich mir wieder eine Folge der Gilmore Girls angesehen und bin prompt über das Referenzenszenario gestolpert, dass diese Serie so anspruchsvoll sein läßt.

Gerade noch mit James Boswell befasst gewesen, schon finde ich ihn flott zitiert bei den Gilmore Girls wieder. Während sich das Paar über die Stadt London unterhält, fällt ein Satz von Samulel Johnson: „When a man is tired of London, he is tired of life“ (Quelle). Das könne ja nur einer sagen, der noch nie eine Fernbeziehung gehabt hat. Rory Gilmore kontert haarscharf darauf: „Boswell war ja immer in seiner (Johnsons) Nähe“. So kalauernd also das, was von James Boswell heute übrig geblieben ist. Ich empfehle nur, lesen Sie sein Journal, das Londoner Tagebuch. 🙂 Da bleibt mehr als nur seine Beziehung zu Johnson zu entdecken.

Das ernsthaft Leichte oder war es umgekehrt: Jacques Rivette

Mein erster Rivette – und ich bin immer noch ein wenig aufgeregt. 🙂

Irgendwie bin ich an Jacques Rivette bis jetzt vorbeigelaufen, dachte immer, er sei womöglich eine seichte Variante von Eric Rohmer. Aber: Va Savoir (F 2001) ist ein wirklich wunderbarer Film und da fallen einem nicht nur sehr viele Türen ein und auf und immer wieder zu (ein dolles Rezensionsfenster von jump-cut!), sondern nur diese Vergleiche, die man selbst ein wenig naja findet, ein ernsthaft und zugleich leichter und luftiger Film oder so ähnlich blumiges.

Aber vor allem ist es wunderbar, Gesprächen zuzuhören (wer macht das heute noch so im Schnitt-Gegenschnitt wie das französische Kino ;-)) und gleichzeitig Bewegungen zu folgen. Das mag jetzt sehr banal klingen, das kenne ich aber in der Form nur von Nouvelle Vague Filmern und deren naheliegenden Derivaten.