Sylvia Egger: Still Dialing Alice, Ritter Verlag (2009)

Buchcover Still dialing AliceAb 1936 widmete sich Marcel Duchamp der Idee eines transportablen Künstlermuseums, der Boîte en valise, die er 1941 schließlich als limitierte Luxusausgabe herausbrachte: Ein Koffer, in dem komplexe Faltsysteme ca. 80 miniaturisierten Reproduktionen duchamp’schen Kunst- schaffens Platz boten, „jederzeit verfügbar und vorzeigbar“, ein Prototyp des mobilen Archivs.

Ich werde als Archiv nicht die Totalität der Texte bezeichnen, die für eine Zivilisation aufbewahrt wurden, noch die Gesamtheit ihrer Spuren, die man nach ihrem Untergang retten konnte, sondern das Spiel der Regeln, die in einer Kultur das Auftreten und das Verschwinden von Aussagen, ihr kurzes Überdauern und ihre Auslöschung, ihre paradoxe Existenz als Ereignisse und als Dinge bestimmen.
(Michel Foucault)

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die dada-baroness

es ist immer wieder erheiternd. wie schoen regelmaessig die ewig gleichen zuschreibungen in rezensionen – vor allem in biographisch akzentuierten – verwendet werden. „mit der peitsche in der fifth avenue“ – einer rezension der aktuellen ausstellung zu elsa von freytag-loringhoven – gibt im grunde recht ausgewogen einen biographischen abriss ihres leben. kann sich aber dennoch nicht verkneifen auf ihre „sexsucht“ hinzuweisen:

malte selbst und gab sich ihrer Sexsucht hin

mit peitsche auf der fifth avenue (tagesspiegel, 29.03.05)

… die dada-baroness – die wilde kunst der elsa von freytag-loringhoven (ausstellung im berliner literaturhaus 24.3. – 8.5. 05)

… endlich erscheinen gedichte gesammelt in deutsch: mein mund ist luestern. i got lusting palate (edition ebersbach)

der schweizer dadismus :: und ihr dada baby

Am 6. Februar 2005 ist in der Region Zürich ein Knabe geboren, der künftig den Namen DADA trägt. Es ist Teil eines Kunstprojektes der Schweizer Künstlergruppe COM&COM (Johannes M. Hedinger, Marcus Gossolt) für das Cabaret Voltaire in Zürich. Gesucht wurde ein in der Schweiz wohnhaftes Elternpaar, das seinem künftigen Kind den Namen DADA geben wollte und dafür als Gegenleistung CHF 10‘000.- für ihr Baby bekam. Das Kind sollte Anfang Februar zur Welt kommen, denn am 5.2. jährte sich zum 89sten mal der Geburtstag des Dadaismus.

aus dem pressedossier von gugus dada (pdf)

nunja. ganz klar laesst sich nicht sagen. ob das alles nur fake ist und die einfach ein baby gekriegt haben. oder die schlicht zuviel geld haben. 🙂 dem ganzen auch noch ein umfangreiches marketing zu goennen – nun jeder wieder er moechte und zeit hat.

wenns zur belebung des dada hauses in zuerich beitraegt, warum nicht …

dada mail project ::

In response to this, Justin renamed the program, not wanting to get into a legal debacle. The short of it, from Justin, „They have lawyers, I sleep on a couch in a basement apartment that doesn’t have working heat.“ He also officially deemed it as an Art Object, not a Software Project. Art Objects have „titles“, not „names“, of which different Art Objects can have the same „titles“. For example, „Untitled“, „Pieta“, „Virgin“, „Fountain“. The medium of Dada Mail is a computer program. As far as Justin knows, you can not Trademark the title of a piece of Artwork. Justin would at least like you to think of this whole idea in the perspective that he has given it to you and hopefully you think of it as totally absurd. Perfect

dada mail project information

… die homepage von justin simoni

eine volkskuenstlerin! :: k. rutschky meint das

sicherlich war die baroness in ihrer zeit keine „unbekannte“. dazu wusste sie sich expressiv einzubringen in der partiellen oeffentlichkeit. die einer kuensterlin in avantgarde-kreisen zur verfuegung stand. dennoch von einer wirklichen „bekanntheit“ zu sprechen. ist uebertrieben und der „schraegen“ rolle und funktion der baroness in ihrer zeit auch unangemessen. von ein paar veroeffentlichungen ihrer texte in zeitschriften abgesehen, bleiben vor allem ihre „inszenatorischen“, leibhaftigen kunst/leben aktionen im vordergrund.

wenn katharina rutschky in ihrer rezension unbeeintraechtigt von geistiger gesundheit (frankfurter rundschau) zu grammels biographie wiederum auf den „verrueckten“ geisteszustand der baroness abhebt und mangel an geist und werk der baroness dann negativ kurzschliesst. dann sind wir wieder dort. wo die rezeption von kuensterlinnen in der avantgarde immer stehenbleibt: entweder waren sie sexuell „abartig“ oder geistig zurueckgeblieben. Continue reading “eine volkskuenstlerin! :: k. rutschky meint das” »

portrait 01 :: die futuristin

die suche nach den frauen im futurismus ist noch auszudehnen: elisabeth schimana unternimmt in portrait 01: die futuristin (kunstradio) eine nicht nur historische suche nach den feministischen positionen in der elektronischen musik und in der medienkunst. ausgang der suche: das manifest der futuristischen frau von valentine de saint-point.

links:
– die sendung im mp3 stream (v. 14.12.03)
– positionierung zum projekt
– homepage von elisabeth schimana
– das manifest der futuristischen frau von valentine de saint-point (das manifest in english – pdf)
– das manifest futurist manifesto of lust von valentine de saint point (1913)
– kurze bio zu valentine de saint point
– rezension des buches Women Artists of Italian Futurism: Almost Lost to History.
– „Die beruehmteste Schlaegerei hatte Cravan jedoch nicht auf einer eigenen Konferenz, sondern nach einem Vortrag von Valentine de Saint Point ueber „Die futuristische Frau“ 1912, als ein aufgebrachtes Publikum die Buehne erstuermt und Cravan, der zwar die Futuristen nicht wirklich mochte, dem aber Vortrag und Vortragende gefallen hatten, diese um sich boxend verteidigte.“ (Arthur Cravan Ñ Die Niedertracht der Tafelrunde)

NEO DADA

mailart ist nicht immer von der exakten groesse einer postkarte :: aber in diesem mail art call ist das genau das format. in das „neodada“ gepasst werden soll: NEO DADA ist zwar „nur“ eine online-austellung aller eingetroffenen mail art artefakte. aber A: ist die seite selbst sehr sehenswert, B: sind die neodadaistischen postkarten auch auf beiden seiten interessant und C: ist das weiterblaettern in richtung „anything about lenin“ – ein weiteres mail art projekt – nicht zu uebersehen. 🙂

und wer sich von mail art angezogen fuehlt. findet in der linkliste das fluxusbetonte nicht ungewohnte mail art arsenal! (via – na erraten! – fluxus-mail)

Baroness Elsa von Freytag-Loringhoven

der ihr eigentlich gebuehrt. so wurde sie zwar immer schon als „mutter des new york dada“ bezeichnet, was aber irgendwie nach weiblicher rollenzuteilung klingt – und das tut es auch. in der rezension „Die Mutter von New York Dada Baroness Elsa von Freytag-Loringhoven“ (NZZ) von juergen braeunlein wird zwar versucht. von baroness elsa ein einigermassen interessantes profil zu erstellen. sie entkommt jedoch nicht den geschlechtsspezifischen zuweisungen. die fast alle dada- und avantgardekuenstlerinnen erfahren haben.

in the historicizing and mythologoizing trajectory of the Dada logos, several „origins of the word“ implicate female gendering in which the signification of the female is ultimately a „wet-nurse“ whose primary biological and aestetic functions are as the male artists‘ muse.

sawelson-gorse, naomi (hg.): women in dada. MIT 1998, vorwort

die rezeption von baroness elsa ist zum einen um den „musen“-begriff situiert (vor allem gilt sie als muse des „erz-dadaisten“ duchamp, dabei ist es durchaus umgekehrt richtig). obwohl sie – wie braunlein richtig anmerkt – die einzige frau neben hannah hoech ist. die als dadaistin heute noch rezipiert wird. ist diese einordnung mit einem kanonisierten vorzeichen zu versehen. der kanon von dadaistinnen war und ist schmal besetzt (da haben auch sammelbaende wenig geaendert).

dass braeunlein jedoch das bild der muse als „getriebene der libido“ bedient. passt dann leider nur zu gut in das kanonisierte bild von avantgarde-kuenstlerinnen (vgl. die rezeption von mina loy). durch wenige publikationen wird mittlerweile der innovative und performative (gender-)aspekt von dadaistischen aktionistinnen betont (schliesslich ist ja auch duchamps transgendering nicht zu uebersehen).

Um die aeussersten Grenzen von Avantgarde-Performance zu finden, muessen wir nicht nach vorne, sondern zurueckschauen. Wenn es um bahnbrechende Kunst und um das Spiel mit den Geschlechtern geht, finden heutige Kuenstler kein gewagteres Beispiel als die lange vergessene Baroness Elsa. (Marina Abramovic)

bei baroness elsa kommt hinzu. dass sie durch ihre durchaus sexuell konnotierten aktionen als „verrueckt“ deklariert wurde (heute wuerde man das punk nennen). es mag so sein. dass sie einen gewissen „hang“ zur verrueckung von realien hatte. aber als erklaerungsmuster fuer kuenstlerinnen ist der diskurs der „verruecktheit“ nur zu bekannt (vgl. dazu etwa die sammelbaende „wahnsinnsfrauen“. in denen dieser diskurs nicht unter einem individualisierenden. sondern ideologiekritischen standpunkt verhandelt wird, etwa „der wahnsinn als reaktion auf patriarchalische strukturen“). Continue reading “Baroness Elsa von Freytag-Loringhoven” »