das singende klingende telefon // theatrophone && andere musik in den ohren

By the Telephone Sound is converted into Electricity, and then by completing the circuit, back into sound again. Jones converts all the pretty Music he hears during the Season into Electricity, bottles it and pops it away in Bins for his Winter Parties. All he has to do, when his guests arrive, is to select, uncork, and then complete the Circuit. And there you are!“ (satire aus dem jahre 1877 „The Fabulous Phonograph“)

image marcel proust hatte es 1911 im abo. victor hugo schleppte seine kinder dorthin. wie so oft war zu beginn des mediums „telefon“ nicht klar. wofuer es eigentlich eingesetzt werden sollte: sprache und/oder musik? das musiktelefon (theatrophone – von clement ader) war eine attraktion auf der internationalen elektroausstellung in paris im jahre 1881. ueber telefon wurde direkt aus der franzoesischen oper und der comedie francaise uebertragen. kommerziell wurde das musiktelefon ausgewertet. indem es in cafes und hotels aufgestellt wurde und mit muenzeinwurf die aktuelle auffuehrung in theatern oder oper ans ohr brachte. bis 1932 war das theatrophone im einsatz. auch ueber weite distanzen wurde versucht – etwa von paris nach london 1891 – konzerte zu uebertragen. budapest bot einen richtiggehenden inhaltsmix aus nachrichten, konzerten und vortraegen per theatrophone an (1893). vorangig war bei der verbreitung des telefons. entfernungen zu ueberwinden. aber danach rangierte gleich die bequemlichkeit – die freizeit von zuhause aus zu konsumieren: „you stay at home and listen to the reading in the hall“. sie verfuegbarkeit fuer private personen war naturgemaess an eine priviligierte minderheit gebunden. in london war es auch unter dem namen „elektrophon“ bekannt.

ein weiterer einsatz des telefons als abonnentenmedium war das „telefon hiromondo“ – die budapester telefonzeitung. gemuetlich vor dem telefon sitzend holte man sich fuer eine jaehrliche gebuehr die neuesten artikel ins haus. einzelne artikel wurden auch von sogenannten starautoren selbst vorgelesen (kurt stadelmann: die gesprochene zeitung, in: wunschwelten. chronos 2000)

bereits graham bell inszenierte seine erfindung – das telefon – geschickt und werbewirksam: das telefon als konversationsmedium und als traeger von musik – als inszenierungsgrundlage fuer „telegraphische concerte“. (kurt stadelmann: das telefon wird erwachsen, in: wunschwelten. chronos 2000). wenngleich bell wissenschaftlich vorrangig an der uebertragung von sprache interessiert war, aber zur besseren vermarktung auf den konnex musik zurueckgriff.

wie funktionierte das theatrophon: es war mit 2 hoerern ausgestattet. man warf eine muenze ein und konnte dadurch 10 minuten (! how much !) musik hoeren. um eine unterbrechung zu unterbinden. warf man einfach noch eine muenze vorab ein. durch ein kontrollicht war kenntlich. dass man „on air“ war.

das theatrophone scheint auch eingang in das allgemeine sprachvokabular gefunden zu haben. wenn etwa die moderne frau um 1900 als „kompliziert wie ein theatrophone“ bezeichnet wird. aber auch in der welt der satire ist es auffindbar: etwa wenn die mutter ihrem sohn die handhabung des theatrophones erklaert und ihm den tagesplan an musiksendungen auflistet.in edward bellamys utopischem romanlooking backward 2000-1887“ stoesst der protagonist herr west im jahre 2000 auf eine vollstaendig ausgereifte version des musikempfangs via theatrophone. dem heimkonsumenten steht eine richtige musikkarte zur verfuegung, auf der die entsprechenden musikangebote aufgefuehrt sind. man bezahlt im monat eine gewisse gebuehr fuer diese karte und die taegliche aktualisierung des programms. das via theatrophone/telefon empfangen wird. alle betten sind mit einem telephon ausgestattet, das sich wie ein kopfhoerer aufsetzen laesst und so auch den schlaflosen rund um die uhr programm bieten kann: „and with the receiver at your ear, I am sure you will be able to snap your fingers at all sorts of uncanny feelings it they trouble you again.“ (Looking Backward 2000-1887)

in theodore herzls ebenfalls utopischem roman „AltNeuland“ (1902) findet sich eine stelle, die auf den gebrauch des telefons als „gesprochene zeitung“ hinweist und es entspinnt sich ein langes gespraech ueber die rolle der werbung im neuen medium:

‚„Jetzt aber waehlen Sie endlich Ihre Abendunterhaltung, meine Herren. Wollen Sie lieber das Programm aus der gesprochenen Zeitung hoeren?“ Er nahm zwei Hoermuscheln von der Wand, an der sie hingen, und reichte sie seinen Gaesten.
„Euer Hochwohlgeboren, damit imponieren Sie mir nicht. Den Zauber kenn‘ ich. Eine solche Telephonzeitung war schon vor fuenfundzwanzig Jahren in Budapest im Betrieb
„‚‘ (AltNeuland)

vor allem haetten die zuhoerer nicht die moeglichkeit die werbung umzublaettern, sondern seien dieser wehrlos augeliefert. und da die zeitung weder druck- noch versandkosten habe. wuerde die zeitung grossen gewinn abwerfen. 🙂

freilich ist die vorhersage eines sammelbildchens fuer das jahr 2000 reichlich ueberspannt gedacht. wenn es darauf verweist. dass der heimnutzer theater und opernerlebnisse nur noch von zuhause aus geniessen kann und damit die oper oder das theater ueberfluessig mache. wahrscheinlich verweist das nun wieder auf die virtualisierung von theater oder oper hinein in die studioatmosphaere eines vierwaendeorchesters. (elke rau: der rueckzug ins private, in: wunschwelten. chronos 2000)

das theatrophone wurde schliesslich vom radio abgeloest. auch damit entsponn sich abermals eine heftige diskussion ueber die moeglich nutzung. „man setzte sich zusammen um das empfangsgeraet herum, nahm die kopfhoerer und lauschte…“ (c. richards – die tanzenden kopfhoerer, in: wunschwelten. chronos 2000)

da bleibt dann nur noch anzumerken: das pferd frisst keinen gurkensalat (1861 – angeblich hat reis von diesem ersten uebertragenen satz via telefon nur „das pferd frisst“ verstanden)

image heute weisen wohl nur noch gadgets wie das „PEPSI-COLA ANIMATED MUSICAL TELEPHONE“ auf die musikalische komponente des telefons hin:
Decorate your home with this showpiece phone with lighted vending machine, moving figurines and integrated music box. The wind-up music box plays a fifties classic. Moving figurines and lights are synchronized with the ringer! Features include star/pound button, tone/pulse switchable, lights that activate when the phone rings, ringer/light on/off switch, in use light and music on/off switch. “ (pacific products gallery)

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